Campingglück

Wir hatten kleine Magnetschilder für unseren Bulli gemacht: „Cool Camping Deutschland“ stand darauf. Schließlich ist dieses Buch der offizielle Nachfolger von „Cool Camping Deutschland“ – einer Zeltbibel, die über fünf Jahre die Heimat der besten Zeltplätze und aufregendsten Übernachtungsspots in der freien Natur war. Die Magnetschilder jedoch waren ein Fehler: Denn wer sich als „Cool“ ausgibt, muss gewisse Erwartungen erfüllen. Meiner Familie und mir gelingt das leider nur selten.

Gestatten: Wir sind eine durchschnittliche, fünfköpfige Familie aus der großen Stadt, die Ruhe und Frieden in der Natur sucht, aber selten ein Bild eben davon abgibt. Jessica, meiner Frau, würde das noch gelingen. Aber unsere drei Söhne Lasse, Joon und Maarten zerstören im Konzert mit mir fast jedes vögelzwitschernde Idyll.

Es trug sich zu, dass wir einiger Zeit mit drei mauligen Jungs auf einem 800km entfernten Traumplatz einfielen, und mit uns das brüllende Chaos: Lasse müde von der Fahrt, Joon hungrig und Maarten böse, weil er bis heute „Aufwecken durch Anhalten“ nicht eben schätzt. Zudem hatten wir (nun gut: ich) im zwillingsinduzierten Packstress noch die Schlüssel für das dicke Fahrradschloss vergessen, das unsere Räder auf dem Fahrradträger des Bullis sicherte. In dieser Lage blieb nur eins – „Cool Camping“-Schilder hin oder her: Bauer Ewald Maurus und seine Flex musste helfen. Stahl kreischte durch die allgäuer Ruhe, Funken sprühen. Und spätestens dann wussten alle auf dem Campingplatz: Cool ist nicht gleich cool.

Insofern macht es mich allein schon glücklich, nicht mehr „Cool“ sein zu müssen, sondern künftig unser „Campingglück“ zu suchen. Denn das beschreibt sehr viel besser, worum es geht: Mit der Mühsal der 80er-“Coolnes“ hat „Campingglück“ nichts zu tun. Kein Regelwerk für richtige Kleidung und Frisur auf dem Zeltplatz, sondern: Ruhe, Entspannung, Freiheit. Jeder, wie er will – und wie er kann! Im Allgäu fanden wir nach anfänglichem Chaos übrigens ein Flüsschen zum Planschen, Esel zum Ausführen und störrische Ziegen zum Zähmen – für uns der perfekte Urlaub auf einer großen, weiten Wiese.

Darum geht es, und nicht darum, im eigenen Zelt ums Überleben zu kämpfen. Wer dogmatisch hinter dem Reißverschluss hockt und den verregneten Urlaub versemmelt; wer er zu stolz ist, ins Hotel umzuziehen, wenn es aus Kübeln gießt, der ist selbst schuld. Schönwetter-Camping ist völlig in Ordnung. Zumal es so einfach wie nie ist, seine kleine Heimstatt spontan und nach Wetterlage in der Natur aufzuschlagen – Mietbulli und Pop-Up-Wurfzelt sei dank. „Campingglück“ heißt nur: Spaß haben, sich wohl fühlen, raus- und runterkommen. Alles ist erlaubt.

Die Generation unserer Eltern erzählt da mit leuchtenden Augen noch andere Geschichten: Wie sie in stundenlanger, nervenzehrender, familienzerrüttender Zwangs-Zusammenarbeit die großen Hauszelte der 60er Jahre aufbauten. Das Gestänge war mit bunten Klebern und Nummern markiert, weil jedes Puzzle leichter zusammenzustecken war. Es folgte ein Urlaub im immerschiefen Monsterzelt, in dem Campingkocher explodierten und Schlafkabinen einrissen. Der Boden wurde bei jedem Regen matschiger. Ein echtes Abenteuer eben – glücklich machte es mutmaßlich trotzdem.

Als wir vor bald zehn Jahren begannen, die schönsten Plätze der Republik zu suchen, fanden wir die wenigen blitzblanken Nadeln oft nicht im Heuhaufen aus Dauercamper-Parzellen und Mietwohnwagen-Einerlei. Damit mich niemand missversteht: Niemand hat etwas gegen Wohnwagen oder Dauercamper, wenn sie denn das bewahren, was Zeltplätze ausmacht – ein kleines bisschen Freiheit statt Camping-Regelwerk, Nähe zur Natur, Abenteuer am Lagerfeuer, Romantik unterm Sternenzelt.

Seitdem aber hat Deutschland sich auf eine Reise ins Campingglück gemacht.

Von der Bergwiese mit fantastischen Ausblick über Thüringen bis zur biberbewohnten Zeltinsel in Bayern. Vom Tipi-Dorf in Hessen bis zum Wohnwagen-Hotel in Berlin. Vom Zeltplatz, der nur Camper ab 14 Jahre zulässt, bis zum Camping-Floß auf der Havel. Viele neue Ideen – und viel Mut der Inhaber, die an sich selbst und ihre Idee glauben. Die für ihre Liebe zur Natur die Festanstellung aufgegeben und das Risiko gewagt haben. Eine junge Frau aus dem Saarland, die erst mit Zirkussen reiste und dann den Camping-Traum träumte. Der DDR-Flüchtling, der heimkehrte, um zu Hause die Camping-Freiheit zu suchen. Oder der Öko-Bauer, der seine Zeltgäste zum Melken zwangsverpflichtet. Vom Bauwagen bis zum schrägen „Behütum“-Zelt: Immer etwas besonderes – mit fantastischer Aussicht oder verrückten Zutaten, am glasklaren See oder unter der steilen Kletterwand.

„Campingglück“ hat eine subjektive Auswahl getroffen, ohne ADAC-Sternchen, dafür mit Freiheit und Abenteuer. Niemand hat für die Aufnahme in dieses Buch bezahlt, und niemand konnte sich in dieses Buch hineinkaufen. Wir sagen unsere Meinung und beschreiben, was Zelturlauber auf einem Platz erwartet, wo das nächste Restaurant einen grillfreien Abend beschert, und wohin Familien sich bei Regen flüchten können. Nicht alle Plätze in diesem Buch machen in jedem Winkel glücklich. Manche Betreiber suchen noch die richtige Idee, manche Plätze verändern sich nur langsam, aber vielversprechend. Wir haben versucht, das in unseren Texten fair zu beschreiben.

Der Grundidee bleiben wir jedoch treu – der Idee von „Cool Camping“: Ein junger Mann namens Jonathan Knight kehrte eines Tages mit seiner Freundin vom Camping-Urlaub zurück und stellte fest: Die Zeltplätze, die wir suchen, stehen in keinem Campingführer. Also gründete er kurzerhand selbst einen kleinen Verlag und brachte einen solchen Führer heraus – mit riesigem Erfolg. Seitdem sind wir eng befreundet – und wir bleiben es auch in Zeiten von „Campingglück“.

Deutschland Zeltplätze sind flügge geworden, haben sich emanzipiert. Die Bewegung zurück zur Natur, zur Freiheit, zum Lagerfeuer unterm Sternenhimmel hat einen neuen Namen: „Campingglück“. Denn darum geht es: Glück zu finden, Glück zu geben, glücklich zu sein.

Carry On Camping!